Käthi und Erika treffen sich jeden Donnerstag in Münchenbuchsee. Regnet es? Sie gehen trotzdem hin. Liegt Schnee? Sie räumen ihn von den Beeten und arbeiten weiter. Sie sind Teil einer Gartentherapiegruppe der Rheumaliga. Gemeinsam bauen sie Gemüse an, pflegen die Pflanzen und plaudern.
Es ist kein Hobby. Es ist echte Therapie.
Die Gartentherapie nutzt das Gärtnern als Rehabilitationsmittel. Sie verfolgt präzise Ziele und messbare Ergebnisse.
Sie entstand im 17. Jahrhundert in England. Ärzte bemerkten, dass Patienten, die in den Krankenhausgärten arbeiteten, schneller gesund wurden. Heute wird sie in Rehabilitationseinrichtungen und Altersheimen eingesetzt.
In der Schweiz organisiert die Rheumaliga therapeutische Gärtnergruppen. Die Horticultural Therapy Swiss Association koordiniert Aktivitäten im Tessin.
Wissenschaftlich nachgewiesene Vorteile der Gartentherapie.
Das Pflücken von Bohnen oder kleinen Gurken trainiert die motorische Kontrolle. Eine Tomate abzutasten, um deren Reifegrad zu prüfen, ist eine sensorische Übung. Das Auflockern der Erde stärkt Hände und Arme.
Lucia Illi, Ergotherapeutin und Bio-Gärtnerin, leitet eine Gruppe in Bern. Sie überprüft, ob die Arbeiten mit korrekter Haltung und ohne Überlastung der Gelenke ausgeführt werden. In der Gruppe sind Menschen mit rheumatoider Arthritis, Arthrose, Osteoporose und Rückenschmerzen.
Die Arbeit mit Pflanzen, Erde und Wasser hat messbare Auswirkungen. Die Beziehung zu den natürlichen Prozessen – Wachstum, Reifung, Verfall – hilft, die Zyklen des Lebens zu akzeptieren.
Die Gruppe bewältigt Schwierigkeiten gemeinsam. Käthi sagt: „Schnecken, Ameisen, Mäuse, wir hatten schon alles«. Trotzdem machen sie weiter.
Gärtnern ist Teamarbeit. Eine nimmt die Setzlinge aus dem Topf, die nächste pflanzt sie ein und die dritte giesst. Währenddessen wird geplaudert.
Erika erzählt: „Innerhalb weniger Wochen ist eine Verbundenheit entstanden. Wir treffen uns auch ausserhalb des Gartens. Wenn es einer Kollegin nicht gut geht, pflegen wir ihr Beet.»
Gartentherapie: So läuft eine Sitzung ab
Die Gruppen treffen sich regelmässig. Das typische Programm: Den Boden 15-20 Minuten lang auflockern. Dann die Ernte. Es folgen andere Arbeiten: säen, pflanzen, giessen, beschneiden. Den Abschluss bilden Dehnübungen, um die nach vorne gebeugte Haltung auszugleichen.
Alles wird individuell angepasst. Im Garten von Münchenbuchsee gibt es sechs Hochbeete von 90 cm Höhe, um den Rücken zu schonen. Jedes Mitglied hat sein eigenes Beet, und pflanzt dort an, was es bevorzugt.
Gärtnern ist Training für den ganzen Körper. Man geht auf unebenem Gelände. Man steht, sitzt oder kniet. Die Unebenheiten des Bodens trainieren das Gleichgewicht.
Die Teilnehmerinnen bereiten den Grossteil der Ernte direkt zu und essen ihn gemeinsam. Erika sagt: „Ich habe neue Gemüsesorten entdeckt. Jetzt esse ich viel mehr davon als früher.»
Sich um etwas zu kümmern, das wächst, gibt dem Leben Sinn. Für Senioren, die sich manchmal nutzlos fühlen, gibt der Garten eine neue Aufgabe.
Gartentherapie für Menschen mit Behinderungen
Gartentherapie ist auch bei Menschen mit Rückenmarksverletzungen wirksam. Studien zeigen, dass sie die Koordination, die körperliche Belastbarkeit, die Haltung, die Muskelkraft und das Gleichgewicht verbessert. Zudem hilft sie bei der Schmerzbewältigung.
Für Rollstuhlfahrer gibt es spezielle Strukturen wie TERRAform: Holzkästen, die so konzipiert sind, dass das Gärtnern auch bei eingeschränkter Mobilität möglich ist.
Gartentherapie starten, auch ohne Garten
Man braucht keinen Gemüsegarten. Töpfe auf einem Balkon, Behälter auf der Terrasse, Kräuter auf der Fensterbank oder Zimmerpflanzen reichen aus.
Um wirksam zu sein, sollte die Gartentherapie von einer Fachperson begleitet werden. Spezialisierte Ergotherapeuten bewerten die Fähigkeiten der Person und planen massgeschneiderte Aktivitäten.
Die Therapie kann an Einschränkungen angepasst werden. Bei Arthritis, helfen ergonomische Griffe, Hochbeete und gepolsterte Handschuhe. Für Rollstuhlfahrer: unterfahrbare Beete, breite Wege und langstielige Geräte. Für Sehbehinderte: duftende Pflanzen, farbige Behälter und grosse Etiketten.
Wo man Gartentherapie im Tessin praktizieren kann
Verschiedene Einrichtungen bieten Programme an: Gruppen der Rheumaliga, Altersheime mit Therapiegärten, Aktivitäten, die von der Horticultural Therapy Swiss Association koordiniert werden.
Gartentherapie ist besonders nützlich für Menschen mit Arthritis, Arthrose, Osteoporose, Personen in der Rehabilitation nach einem Schlaganfall, Menschen, die an Depressionen und Angstzuständen leiden, Menschen mit leichter Demenz und jenen, die in Einsamkeit leben.
Für den Anfang braucht es wenig Material: 3-4 Töpfe, Erde, Samen oder Setzlinge (Basilikum, Cherrytomaten), eine kleine Giesskanne und Handschuhe. Gesamtkosten: 30-50 Franken.
Käthi, Erika und die anderen treffen sich jeden Donnerstag. Sie pflegen die Pflanzen. Sie kümmern sich umeinander. Und es geht ihnen besser.
Quellen:








